Giro Engiadina Bassa – Tag 1 – Von Scuol nach Taufers

Freitag, 05.08.2016
Der Wecker klingelte um 3.30 Uhr. Am Vorabend waren Diane und ich bei unseren Mitfahrern angekommen. Terminlich und gesundheitlich ging alles glatt, die Kinder waren versorgt und die Stimmung war eigentlich gut. Eigentlich? Nun ja, für den ersten Tag unserer Tour waren die Wetteraussichten alles andere als rosig: Dauerregen im gesamten Alpengebiet mit der Option auf Starkregen. Aber wir hatten nur dieses Wochenende und für die restlichen beiden Tage war das Wetter besser gemeldet. Nach einem schnellen Frühstück und ein paar Tassen Espresso starteten wir zu viert in unserem Auto bei Regen in Richtung Schweiz. Die Räder waren auf dem Dach- bzw. Heckträger montiert.
Der Start unserer Tour lag in Scuol, das wir im Regen erreichten. Die Fahrt dahin verlief ganz gut, es gab keine nennenswerten Verkehrsprobleme. Auf der Fahrt stellte sich heraus, das mein Neffe – der mit Abstand jüngste im Team – keine Regenhose im Gepäck hatte. Mit so einem Wetter hatte man nicht gerechnet. Die Wolken hingen aber tief und es schüttete auch bei unserer Ankunft kräftig. Und der Wasserstand des Inns wieß darauf hin, dass es wohl auch schon sehr viel geregnet hatte. Die Temperatur lag im einstelligen Bereich. Es war sehr ungemütlich und klar, dass eine Regenhose herbei musste. Die war in einem Sportgeschäft schnell gefunden. Zudem bekamen wir von dem Personal den Ratschlag, von unserer geplanten Route abzuweichen und eine alternative Strecke zu fahren. Bei diesen Bedingungen zu gefährlich. Das leuchtete uns ein.
Wir suchten uns einen kostenfreien Parkplatz, wo wir unser Auto für drei Tage stehen  lassen konnten und machten uns fertig. Der Regen war unser steter Begleiter. Am Auto neben uns hatte der Besitzer vergessen, die Fenster zu schließen und es regnete ordentlich hinein. Wir fragten, ob es am Sonntag auch noch da stehen würde und ob man dann darin baden könnte…

Gegen 10.30 hatten wir unsere Regenklamotten an und die Räder bereit gemacht. Es konnte losgehen.

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Ursprünglich wollten wir heute durch die Uina-Schlucht und den Schlinigpass rüber ins Vinschgau und dann noch ein paar Kilometer das Münstertal hinauf nach Taufers. Diane und ich sind bereits 2010 durch die Schlucht, allerdings in der anderen Richtung. Wir beherzigten aber den gutgemeinten Ratschlag der „Locals“ und wählten die Schlechtwetteralternative. Es war einfach zu gefährlich und ungemütlich. Bei so starkem Regen besteht in der Schlucht die Gefahr von Schlamm- und Gerölllawinen. Zudem fällt die Aussicht recht spärlich aus. Bei 8°C im Tal wären sicher auch keine Temperaturrekorde auf dem Berg zu erwarten gewesen. Man kann davon ausgehen, dass pro 100 Höhenmeter die Temperatur um 1°C sinkt, und der Schlinigpass liegt auf gut 2.300 Meter. Und der eigentlich recht schöne Trail vom Schluchtausgang bis zur Sesvennahütte wäre sicher eine einzige Schlammschlacht geworden. Also fuhren wir über die Norbertshöhe. Die kannten wir auch schon von 2010. Dazu mussten wir aber erst einmal ein paar Kilometer durch das Inntal hinab bis nach Martina. Am Grenzübergang nach Österreich beginnt die Auffahrt über den kleinen Straßenpass.

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Nach der Abfahrt waren wir schon ordentlich nass und durchgefroren, und spätesten jetzt bereute ich die Entscheidung nicht mehr. Wir begannen die Auffahrt und jeder fuhr in seinem Tempo. Gut, ich überzog etwas, weil ich mir mit einem anderen Biker ein (wie immer sinnloses) Rennen lieferte. Aber wenigsten ging der Sieg an mich. Allerdings musste ich wegen der „Turboauffahrt“ nun auch länger auf die anderen warten. Es war nass und es war kalt. Ich begann schon mit einem Aufenthalt im Alpengasthof Norbertshöhe zu liebäugeln.

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Als die anderen auf der Passhöhe ankamen, brauchte es nicht viel Überzeugungsarbeit und wir fielen in die Wirtschaft ein. Nach einer warmen Mahlzeit sah die Welt schon wieder etwas besser aus. Weiter sollte es jetzt durch Nauders über den Reschenpass, am Reschensee vorbei nach Taufers gehen. Alles auf Straßen und Radwegen. Eigentlich keine große Sache. Dazu mussten wir aber wieder hinaus in die Kälte und den Regen. Und vorher in die jetzt schon nassen Regenklamotten – widerlich!
Völlig spaßbefreit absolvierten wir die restlichen Kilometer. Die Temperatur war inzwischen auf unter 6°C gefallen. Habe ich schon gesagt, wie froh ich über die Entscheidung zur Alternativroute war? Die Strecke wieß eigentlich keine besonderen Schwierigkeiten auf, aber dennoch zehrte sie an unseren Kräften – physisch wie psychisch. Der Weg am Reschensee entlang zog sich wie Kaugummi. Bei schönem Wetter ein Genuss, diesmal mit dem ständigen bergauf-bergab einfach nur zäh. Nach dem See kam eine rasante Abfahrt ins Vinschgau, das war für mich das absolut Schlimmste. Zitternd kam ich unten an. Meine Hände warten so klamm, dass ich die Schaltung nicht mehr betätigen konnte…
Aber das Ende war in Sicht. Von Mals aus waren es nun noch ein paar Kilo- und Höhenmeter bis nach Taufers. Die waren aber auch spaßbefreit…

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Und es regnete immer noch… Es hatte wirklich den ganzen Tag komplett durchgeregnet – der Wahnsinn. Wir waren zwar Regen auf dem Rad gewohnt, aber in dieser Menge und über diese Dauer war es doch eine ganz schön harte Prüfung. Am Start dachte ich noch über eine andere Alternativroute ins Münstertal nach – den Pass da Costainas, aber auch das wäre wohl verheerend geworden. Ich war den Verkäufern in Scuol so dankbar…

Sehr erleichtert erreichten wir unser Quartier für diese Nacht. Und – es hörte auf zu regnen. Der Gasthof Avinga liegt direkt an der Grenze zur Schweiz und war für uns die letzte Möglichkeit, in Italien zu übernachten. Aus preispolitischen Gründen nicht gerade unwichtig. Die Zimmer waren sehr einfach und rustikal eingerichtet, aber was braucht man schon groß nach so einem Tag? Eine warme Dusche und ein Bett und ein ordentliches Essen. Das war übrigens sehr gut in der zugehörigen Pizzeria. Ich möchte auch erwähnen, dass das Personal überaus freundlich und hilfsbereit war.

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Ein Blick beim Abendessen auf die Wettervorhersage für den nächsten Tag beruhigte uns etwas – Besserung war durchaus in Aussicht.

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Und während unsere Bikeklamotten vor sich hin tropften und trockneten fielen wir in den warmen Betten erschöpft in den wohlverdienten Schlaf.

Keep on Biking!

2 Gedanken zu „Giro Engiadina Bassa – Tag 1 – Von Scuol nach Taufers

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