Giro Engiadina Bassa – Tag 3 – Von Livigno nach Scuol

Sonntag, 07.08.2016

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Der frühe Vogel fängt den Wurm und sieht den Sonnenaufgang über Livigno. Ok, die Sonne war schon aufgegangen, aber die umliegenden Berggipfel wurden erst langsam nacheinander angestrahlt. Auf alle Fälle war klar: Es würde wieder wunderschönes Wetter geben. Gut gelaunt genossen wir das tolle Frühstücksbuffet, ließen dabei aber nicht die Uhr außer Acht, da heute noch ein “bisschen” was vor uns lag.

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Wir verließen das Hotel Silvestri wie geplant und rollten zunächst durch Livigno. Hier war schon einiges los auf den Gassen, und wir mussten aufpassen, keine Touristen auf die Lenker zu nehmen. Kaum waren wir raus aus dem Dorf wurde es ruhiger. Wir begannen den Anstieg zum Passo Chaschauna. Das war zwar der einzige Pass an diesem Tag, aber mit fast 2.700 Meter keine kleine Aufgabe. Auch mussten über 60 Kilometer zurückgelegt werden und im Anschluss wartete noch die Rückreise nach Augsburg auf uns. Es würde also nicht gerade ein Ruhetag werden… 😉

Zunächst wartete eine steile Asphaltstraße auf uns bis wir ein Hochtal erreichten.

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Wir erreichten den Abzweig zum Pass. Hier kam die Ernüchterung: Am Wegweiser hing ein Schild, dass das Refugio am Pass geschlossen sei. Mist, hier wollten wir eigentlich einkehren. Das würde wohl nichts werden…

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Und als ob dieser “Schock” nicht schon genug gewesen wäre, schien uns die Ziege auf dem Dach der nahegelegenen Scheune mit ihren Meckern zusätzlich zu verhöhnen…

Zumindest ereilte uns dieses Schicksal nicht alleine, denn während wir noch Kräfte für den nun folgenden Anstieg sammelten, kamen immer mehr Biker, die sich auf den Weg nach oben machten.

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Es wurde steil und unsere Gruppe trennte sich. Ich fuhr/schob etwas voraus. An solchen Bergen muss jeder sein Tempo gehen bzw. fahren, sonst kommt schnell Frust auf. Und zwar bei allen Beteiligten. Der Weg war lang – etwa 600 Höhenmeter am Stück. Dafür war das umliegende Panorama sensationell.

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Immer wieder legte ich kurze Pausen ein, um diese Aussicht zu genießen.

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Schließlich kam das geschlossene Rifugio in Sicht. Bei dieser Lage und Aussicht eigentlich unverständlich, das es zu war. Es waren inzwischen auch wirklich viele Biker und Wanderer unterwegs, die sicherlich auch gerne eingekehrt wären. Ich stellte mein Rad ab und schob mir schnell einen Riegel rein. Dann ging ich Diane entgegen, um ihr Rad zu übernehmen. Wir haben die Vereinbarung, dass ich ihr in solchen Situationen helfen kann und auch soll. Sie freut sich immer darüber… 😉

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Wir machten es uns erst einmal auf der Wiese vor der Hütte bequem und legten eine kleine Rast ein, bevor wir die letzten Höhenmeter bis zum Pass in Angriff nahmen. Dabei beobachteten wir andere Biker bei dem Versuch, dieses letzte Stück im Sattel zu bezwingen – es schaffte keiner. Als wir unsere Pause beendet hatten schoben wir unsere Räder den Trail hinauf, fahren wäre eh sinnlos gewesen. Zu steil und verblockt war der Weg.

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Wieder ging ich voran. Die letzten Meter waren fahrbar und ich erreichte im Sattel die Passhöhe.

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Es war vollbracht – wir hatten den letzten großen Brocken unserer Tour bezwungen. Von nun an ging es bergab – also theoretisch. Der Weg bis nach Scuol sollte noch einige Überraschungen für uns bereithalten. Zunächst mussten wir aber erst einmal vom Pass runter. Ich freute mich schon tierisch auf diese Abfahrt. Bei meinen Recherchen im Vorfeld stieß ich auf einige Videos zu der Abfahrt. Ich war gespannt, ob ich diese technisch schwierige Abfahrt fahrend würde meistern können. Sie war auf alle Fälle das fahrtechnische Highlight der Tour. Und bis auf wenige Stellen – verblockte S-Kurven im steilen Gelände – bezwang ich sie auf dem Rad. Yeah!

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Die anderen hatten nicht ganz so viel Spaß und das Verhältnis von Fahren und Schieben war genau umgekehrt. So musste ich am Ende des Downhills wieder warten. Langsam wurde es später als geplant.

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Im Talgrund blickten wir ein letztes Mal zurück und machten uns auf den restlichen Weg. Wir beschlossen, bei der nächsten Möglichkeit einzukehren und Mittag zu essen. Die Laune und der Magen hing bei einigen ziemlich tief… 😉
Die Devise lautete locker weiter pedalieren bis nach Zernez. Allerdings war der Weg nicht so locker…

Es wurde sehr warm, die Getränkevorräte neigten sich dem Ende und der Weg zog sich in einem ständigen Auf- und Ab entlang der Bahnlinie und nahm kein Ende.

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Zernez erreichten wir zu einer so unglücklichen Uhrzeit, dass alle Restaurants gerade ihre Küchen geschlossen hatten und auf überteuerten Kaffee und Kuchen hatten wir im Moment gar keine Lust. Wir entschieden uns, jetzt bis Scuol durchzufahren. Der Original-Track sieht vor, hier und da ein paar Schlenker einzubauen, um die Hauptverkehrsstraße durch das Inntal zu meiden. Wir wollten allerdings auf dem kürzesten und schnellsten Weg die Tour beenden. Immerhin mussten wir im Anschluss ja noch nach Augsburg zurück. An einem Brunnen, den ich von unserem Nauders-Urlaub 2010 schon kannte, füllten wir die Trinkflaschen auf und rollten gen Ziel. Dabei stellten sich uns leider der wohl immer im Inntal herrschende Gegenwind und ein paar fiese Gegenanstiege in den Weg. Zu guter Letzt erreichten wir Scuol aber doch… 😉

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Wir plünderten einen Supermarkt, der zum Glück sonntags geöffnet hatte und vesperten ausgiebig an einem der Mineralwasserbrunnen.

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Wie immer konnte ich dann gar nicht glauben, dass die Tour schon vorbei war. Gerade noch am “existenziellen Limit” und kurz darauf zurück im Alltag. Aber wir waren auch froh, ein paar so schöne Tage erlebt zu haben – gut der Freitag war jetzt nicht so prickelnd, aber auch ein Schlechtwettertag gehört nun einmal zu einer solchen Unternehmung dazu. Und aus der “Ferne” betrachtet war es dann gar nicht mehr so schlimm… 😉

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Wir schossen noch unser Finisher-Bild, verluden die Räder und die Ausrüstung ins Auto, machten uns notdürftig etwas frisch, zogen uns um und fuhren zurück nach Augsburg. Diane und ich übernachteten dort nochmals, bevor wir am Montag bei uns zu Hause und unseren Kindern ankamen. Die Wiedersehensfreude war allerseits sehr groß.

Das Fazit zur Tour: Geniale Strecke mit einigen Highlights und absolut empfehlenswert. Noch toller wäre die Tour mit der Durchquerung der Uinaschlucht am Freitag gewesen, aber das hatte nicht sollen sein. Vom Umfang hätte es nicht mehr und nicht weniger sein dürfen – die Etappen waren genau richtig. Wer das ganze gerne mal an einem Tag “erleben” möchte: Wir bewegten uns auf den Spuren der Langstrecke des “Nationalpark Bike-Marathon“. Nur statt durch die Uinaschlucht fährt man dort über den Costainas.

Das war sie also – unsere Tour “Giro Engiadina Bassa” und das MTB-Highlight 2016. Die Planung für 2017 läuft bereits und auch im nächsten Jahr wird sich unsere Alpentour in einem ähnlichen Rahmen bewegen.

Keep on Biking!

Ein Fotoalbum zur Tour gibt es hier: *klick*

Giro Engiadina Bassa – Tag 2 – Von Taufers nach Livigno

Samstag, 06.08.2016

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Samstagmorgen – der erste Blick aus dem Fenster ließ ein Fünkchen Hoffnung für den zweiten Tag aufkommen. Der Wetterbericht schien sich zu bestätigen. Das Frühstücksbuffet war einfach, aber der Kaffee stark und gut. Während wir uns mit Energie für den Tag versorgten verschwanden immer mehr Wolken und die Sonne strahlte vom Himmel. Unter diesen Voraussetzungen schmissen wir uns gerne in unsere nun wieder halbwegs trockenen Klamotten und wagten einen Blick in Richtung Schweiz.

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Vor unserem Nachtquartier ließen wir noch ein Gruppenfoto machen, dann pedalierten wir in Richtung Ofenpass das Münstertal hinauf.

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Kurz hinter der Grenze legten wir einen kurzen Boxenstopp ein und füllten unsere Vorräte für den Tag auf, da es meines Wissens auf der Strecke keine Möglichkeit zur Einkehr gab. Bestes Bikewetter begleitete uns – und das, um es vorweg zu nehmen, den ganzen Tag.

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Bis Santa Maria blieben wir auf der Straße. Hinter dem Ort wechselten wir von Asphalt auf Schotter und begannen den Anstieg in Richtung Döss Radond und Val Mora.

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Als Schnellster im Anstieg blieb mir etwas Zeit zum “Spielen”. Parallel zur Schotterauffahrt verlief ein netter Downhilltrail, den ich ein Stückchen wieder bergab fuhr. Ein netter Spaß zwischendurch.

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Aber es nutzte ja nichts, wir mussten weiter. Vorbei an Berghängen und Wasserfällen – eine wirklich schöne Strecke.
Am Döss Radond wartete ich auf meine Mitfahrer und nutzte die Gelegenheit mit anderen Bikern zu sprechen. Ich erfuhr, dass man auf der Alp Mora ein einfaches Vesper bekommen könnte. Das war mir neu und kam wie gerufen. Als Diane und ich 2012 diese herrliche Strecke zum ersten Mal unter die Stollen genommen hatten wussten wir das leider nicht. Den nun eintreffenden Mitfahrern teilte ich umgehend mein neues Wissen mit und alle freuten sich über eine deftige Brotzeit auf einer urigen Hütte im Gebirgskino. Allerdings war die Freude bei meinem Bruder etwas verhalten, da er seinen Tacho wohl wenige Meter vor der Passhöhe verloren hatte. Ich fuhr ein Stück zurück und fand tatsächlich am rechten Wegesrand das gute Stück.

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Der Weg zur Alp Mora durch das Hochtal war ein landschaftlicher Traum. Der Weg bis zur Hütte verlief zwar auf einem einfachen Schotterweg, aber das machte nichts, so konnten wir das Panorama besser genießen.

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Frisch gestärkt, zwar nicht ganz günstig (Schweiz halt) aber lecker, machten wir uns an den interessanten Teil im Val Mora – den 1-A-Singletrail. Ein wahrer Hochgenuss – Flow in Vollendung!

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Auf dem nie schwierigen oder gefährlichen Trail rollten wir bis fast zum Lago di San Giacomo di Fraéle auf feinstem Schotter. Unser Alpennovize machte die Sache richtig gut und ich denke, er fand Gefallen an diesem Abschnitt. Wie ein alter Hase surfte er die Wellen am Hang ab.

Auf der rechten Seite des Sees zweigte der Weg zum zweiten Anstieg des Tages ab. Nun stand der Passo di Alpisella auf der Agenda. Der Aufstieg musste sich vom Panorama nicht hinter dem Val Mora verstecken und war gut fahrbar.

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Auf der Passhöhe erholten wir uns etwas vom Anstieg, aber ein frischer Wind trieb uns alsbald weiter. Wir zogen Jacken über und stürzten uns in die Abfahrt in Richtung Livigno.

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Leider konnte der Downhill nicht mit dem Trail vom Val Mora mithalten. Es war eine lange, steile Schotterabfahrt – wie sie mir so gar nicht liegt. Aber irgendwann waren wir unten und stärkten uns für die letzten Meter durch Livigno am Ortsrand mit einem leckeren Eis.

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Nach kurzer Suche hatten wir unser Domizil für die Nacht gefunden. Das Hotel Silvestri war das totale Gegenteil zum einfachen Gasthof Avinga vom Vortag.

Wir genossen die Wellness-Badezimmer und das ausgezeichnete Abendessen. Das mit dem Essen haben sie halt drauf – die Italiener. 😉

Keep on Biking!

Giro Engiadina Bassa – Tag 1 – Von Scuol nach Taufers

Freitag, 05.08.2016
Der Wecker klingelte um 3.30 Uhr. Am Vorabend waren Diane und ich bei unseren Mitfahrern angekommen. Terminlich und gesundheitlich ging alles glatt, die Kinder waren versorgt und die Stimmung war eigentlich gut. Eigentlich? Nun ja, für den ersten Tag unserer Tour waren die Wetteraussichten alles andere als rosig: Dauerregen im gesamten Alpengebiet mit der Option auf Starkregen. Aber wir hatten nur dieses Wochenende und für die restlichen beiden Tage war das Wetter besser gemeldet. Nach einem schnellen Frühstück und ein paar Tassen Espresso starteten wir zu viert in unserem Auto bei Regen in Richtung Schweiz. Die Räder waren auf dem Dach- bzw. Heckträger montiert.
Der Start unserer Tour lag in Scuol, das wir im Regen erreichten. Die Fahrt dahin verlief ganz gut, es gab keine nennenswerten Verkehrsprobleme. Auf der Fahrt stellte sich heraus, das mein Neffe – der mit Abstand jüngste im Team – keine Regenhose im Gepäck hatte. Mit so einem Wetter hatte man nicht gerechnet. Die Wolken hingen aber tief und es schüttete auch bei unserer Ankunft kräftig. Und der Wasserstand des Inns wieß darauf hin, dass es wohl auch schon sehr viel geregnet hatte. Die Temperatur lag im einstelligen Bereich. Es war sehr ungemütlich und klar, dass eine Regenhose herbei musste. Die war in einem Sportgeschäft schnell gefunden. Zudem bekamen wir von dem Personal den Ratschlag, von unserer geplanten Route abzuweichen und eine alternative Strecke zu fahren. Bei diesen Bedingungen zu gefährlich. Das leuchtete uns ein.
Wir suchten uns einen kostenfreien Parkplatz, wo wir unser Auto für drei Tage stehen  lassen konnten und machten uns fertig. Der Regen war unser steter Begleiter. Am Auto neben uns hatte der Besitzer vergessen, die Fenster zu schließen und es regnete ordentlich hinein. Wir fragten, ob es am Sonntag auch noch da stehen würde und ob man dann darin baden könnte…

Gegen 10.30 hatten wir unsere Regenklamotten an und die Räder bereit gemacht. Es konnte losgehen.

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Ursprünglich wollten wir heute durch die Uina-Schlucht und den Schlinigpass rüber ins Vinschgau und dann noch ein paar Kilometer das Münstertal hinauf nach Taufers. Diane und ich sind bereits 2010 durch die Schlucht, allerdings in der anderen Richtung. Wir beherzigten aber den gutgemeinten Ratschlag der “Locals” und wählten die Schlechtwetteralternative. Es war einfach zu gefährlich und ungemütlich. Bei so starkem Regen besteht in der Schlucht die Gefahr von Schlamm- und Gerölllawinen. Zudem fällt die Aussicht recht spärlich aus. Bei 8°C im Tal wären sicher auch keine Temperaturrekorde auf dem Berg zu erwarten gewesen. Man kann davon ausgehen, dass pro 100 Höhenmeter die Temperatur um 1°C sinkt, und der Schlinigpass liegt auf gut 2.300 Meter. Und der eigentlich recht schöne Trail vom Schluchtausgang bis zur Sesvennahütte wäre sicher eine einzige Schlammschlacht geworden. Also fuhren wir über die Norbertshöhe. Die kannten wir auch schon von 2010. Dazu mussten wir aber erst einmal ein paar Kilometer durch das Inntal hinab bis nach Martina. Am Grenzübergang nach Österreich beginnt die Auffahrt über den kleinen Straßenpass.

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Nach der Abfahrt waren wir schon ordentlich nass und durchgefroren, und spätesten jetzt bereute ich die Entscheidung nicht mehr. Wir begannen die Auffahrt und jeder fuhr in seinem Tempo. Gut, ich überzog etwas, weil ich mir mit einem anderen Biker ein (wie immer sinnloses) Rennen lieferte. Aber wenigsten ging der Sieg an mich. Allerdings musste ich wegen der “Turboauffahrt” nun auch länger auf die anderen warten. Es war nass und es war kalt. Ich begann schon mit einem Aufenthalt im Alpengasthof Norbertshöhe zu liebäugeln.

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Als die anderen auf der Passhöhe ankamen, brauchte es nicht viel Überzeugungsarbeit und wir fielen in die Wirtschaft ein. Nach einer warmen Mahlzeit sah die Welt schon wieder etwas besser aus. Weiter sollte es jetzt durch Nauders über den Reschenpass, am Reschensee vorbei nach Taufers gehen. Alles auf Straßen und Radwegen. Eigentlich keine große Sache. Dazu mussten wir aber wieder hinaus in die Kälte und den Regen. Und vorher in die jetzt schon nassen Regenklamotten – widerlich!
Völlig spaßbefreit absolvierten wir die restlichen Kilometer. Die Temperatur war inzwischen auf unter 6°C gefallen. Habe ich schon gesagt, wie froh ich über die Entscheidung zur Alternativroute war? Die Strecke wieß eigentlich keine besonderen Schwierigkeiten auf, aber dennoch zehrte sie an unseren Kräften – physisch wie psychisch. Der Weg am Reschensee entlang zog sich wie Kaugummi. Bei schönem Wetter ein Genuss, diesmal mit dem ständigen bergauf-bergab einfach nur zäh. Nach dem See kam eine rasante Abfahrt ins Vinschgau, das war für mich das absolut Schlimmste. Zitternd kam ich unten an. Meine Hände warten so klamm, dass ich die Schaltung nicht mehr betätigen konnte…
Aber das Ende war in Sicht. Von Mals aus waren es nun noch ein paar Kilo- und Höhenmeter bis nach Taufers. Die waren aber auch spaßbefreit…

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Und es regnete immer noch… Es hatte wirklich den ganzen Tag komplett durchgeregnet – der Wahnsinn. Wir waren zwar Regen auf dem Rad gewohnt, aber in dieser Menge und über diese Dauer war es doch eine ganz schön harte Prüfung. Am Start dachte ich noch über eine andere Alternativroute ins Münstertal nach – den Pass da Costainas, aber auch das wäre wohl verheerend geworden. Ich war den Verkäufern in Scuol so dankbar…

Sehr erleichtert erreichten wir unser Quartier für diese Nacht. Und – es hörte auf zu regnen. Der Gasthof Avinga liegt direkt an der Grenze zur Schweiz und war für uns die letzte Möglichkeit, in Italien zu übernachten. Aus preispolitischen Gründen nicht gerade unwichtig. Die Zimmer waren sehr einfach und rustikal eingerichtet, aber was braucht man schon groß nach so einem Tag? Eine warme Dusche und ein Bett und ein ordentliches Essen. Das war übrigens sehr gut in der zugehörigen Pizzeria. Ich möchte auch erwähnen, dass das Personal überaus freundlich und hilfsbereit war.

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Ein Blick beim Abendessen auf die Wettervorhersage für den nächsten Tag beruhigte uns etwas – Besserung war durchaus in Aussicht.

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Und während unsere Bikeklamotten vor sich hin tropften und trockneten fielen wir in den warmen Betten erschöpft in den wohlverdienten Schlaf.

Keep on Biking!

Giro Engiadina Bassa – Epilog

Als ich 2007 mit dem Mountainbiken anfing, war es mein Ziel, eine Mehrtagestour in den Alpen mit meinem Bruder zu überstehen, der das damals schon ein paar Jahre machte. 2008 war es dann soweit. In den folgenden Jahren kamen ein paar weitere Touren dazu. 2012 stieg Diane ins “Geschäft” mit ein und löste das bisherige Team ab. Ab da fuhren wir jedes Jahr zu zweit. Bis auf 2013, da gab es eine Babypause und ich war alleine auf dem Maxweg unterwegs. Inzwischen können wir schon auf ein paar schöne Touren, auch richtige Alpenüberquerungen mit Ziel am Gardasee, zurückblicken. Nun ist es aber so, dass unsere Kinder schon etwas größer sind und eine eigene Meinung zu Thema haben. Und die heißt: “Wir finden es nicht gut, dass ihr so lange ohne uns unterwegs seid!” Und auch für die Schwiegereltern sind 10 Tage, wie zuletzt 2015, eine lange Zeit des Babysittens…
So beschlossen wir, dieses Jahr nur eine 3-Tages-Tour zu fahren. Das ist auf alle Fälle besser als nichts. Um nun die Brücke zu meinen Anfängen zu spannen: Wir fragten meinen Bruder, ob er nicht Lust und vor allem Zeit habe, uns zu begleiten – er hatte. Dazu kam noch sein Jüngster, der mit 16 Jahren seinen Mehrtagestouren-Einstand gab. Ich begann mit der Plannung für uns vier. Im Netz stolperte ich über eine passende Tour mit Start im Zillertal. Die Runde sah gut aus, und sogar das Highlight von letztem Jahr, die Brenner Grenzkammstraße und die Abfahrt auf dem 1er nach Gossensaß wären dabei. Ich buchte passende Unterkünfte und schaute nach einem geeigneten Parkplatz im Zillertal. Dabei stellte ich fest, das just an dem Wochenende, an dem wir starten wollten, die Zillertal Schürzenjäger ihr Openair mit tausenden Fans zelebrieren würden. Ich fürchtete, dass die ohnehin schon raren (freien) Parkplätze knapp werden würden. Dazu kamen ein paar Entwicklungen in Österreich (Politik und legales Biken betreffend), die mich die Planung über den Haufen werfen ließen. Andere Mütter haben auch schöne Töchter und andere Länder auch schöne Touren…
In einer “Fachzeitschrift” laß ich einen Artikel über den “Giro Engiadina Bassa“. Das sah nach mehr als nur einer Ausweichmöglichkeit aus. Die Uina Schlucht und das Val Mora waren uns schon bekannt und wir freuten uns auf die Runde.
Ich änderte die Etappen etwas ab. Am ersten Tag hätten wir etwas mehr Kilometer zu bewältigen. Das wäre aber nicht so schlimm, da wir früh starten könnten – die Anreise würde von Augsburg erfolgen. Der zweite Tag wäre somit etwas entschärft, was allen Beteiligten entgegenkäme.
Hier meine Einteilung:
1. Tag: Scuol – Taufers im Münstertal
2. Tag: Taufers – Livigno
3. Tag: Livigo – Scuol
Trotz der Hochsaison (Sommerferien in Italien) fand ich passende Unterkünfte, buchte diese und die Tour stand.
Jetzt hieß es nur noch warten und hoffen, dass nichts dazwischen kommen würde… 😉

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Keep on Biking!

Radmarathon Tannheimer Tal 2016 oder auf der Flucht vor der 9h-Gruppe

Rückblick auf den 10.07.2016

Kommen wir zu dem sportlichen Highlight 2016 aus unserer Sicht – dem Radmarathon im Tannheimer Tal.
Diese Veranstaltung war die einzige, die dieses Jahr unsere Vorgaben erfüllte.

  1. Wir wollten beide starten
  2. Es musste für Diane eine machbare Strecke geben
  3. Es musste mit einer Übernachtung an einem Wochenende machbar sein

Viel Auswahl blieb da nicht, da auch noch unser Familienurlaub im August anstand. Ich meldete uns also beide für den Radmarathon an. Für mich war die Langstrecke mit 230 Kilometern und 3.300 Höhenmetern wie gemacht und Diane wollte auf der Mittelstrecke mit 130 Kilometern und 930 Höhenmetern starten. Das waren machbare Aufgaben. Erfreulicherweise waren auch die Startgebühren sehr erschwinglich.

Die Betreuung der Kinder übernahmen dankenswerterweise erneut meine Schwiegereltern und wir starteten samstags früh in Richtung Tannheimer Tal. Die Anreise verlief reibungslos und wir bezogen unser Quartier, den Alpengasthof “Zur Post” in Schattwald, am frühen Nachmittag. Im Anschluss fuhren wir zur Anmeldung und Expo, wo wir unsere Startunterlagen abholten.

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Wir deckten uns noch mit Andenken ein – Diane erstand ein tiptop Armband und ich legte mir, entgegen meiner Planung, das Trikot und die Hose zur Veranstaltung zu. Zwei Paar Socken erhielt  jeder Teilnehmer als Startgeschenk.

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Nachdem wir gecheckt hatten wo wir am Renn-Morgen parken sollten gönnten wir uns einen Apfelstrudel uns eine Tasse Cappuccino. Die Zeit bis zum Abendessen nutzten wir für die obligatorischen Vorbereitungen.

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Nachdem alle Vorbereitungen getroffen waren fuhren wir ein weiteres Mal nach Tannheim und suchten uns eine Pizzeria. Die Pizza war ok und wir kehrten erschöpft und gesättigt ins Hotel zurück.

Der Wecker klingelte früh. Außer uns fanden sich noch weitere Radsportler zu einem schnellen Frühstück ein. Wie immer nahm ich mir eine Schüssel Müsli mit Joghurt und ein Honigbrötchen. Das hat sich über die Jahre bewehrt. Da Diane eine Stunde später starten würde übernahm sie die Fahrt nach Tannheim und die Parkplatzsuche. Die Zeit wurde knapp und ich nervös. Zum Glück fanden wir einen Parkplatz. Ich wollte auf keinen Fall den Start verpassen. In aller Eile baute ich mein Vorderrad ein und prüfte ein letztes Mal Luft, Bremsen und meine Ausrüstung. Da das Wetter sehr gut gemeldet war verzichtete ich auf Weste, Jacke, Arm- und Beinlinge. Kurz bereute ich das, da es am frühen Morgen noch sehr frisch war. Aber im Verlauf des Tages war ich froh, nicht mehr dabei zu haben.
Ich verabschiedete mich von meiner Frau und wünschte ihr viel Glück. Dann hastete ich zum Start und wartete zitternd auf den Startschuss. Ich hatte keine Ahnung ob ich mich vorne oder hinten befand. Es stellte sich heraus, dass ich mich ziemlich weit am Ende des Startfeldes befand. Zögernd setzte sich das Fahrerfeld irgendwann in Bewegung. Einclicken, ausclicken, einclicken,… das übliche Procedere. Bis ich über die Startlinie rollte waren bereits ca. 6 Minuten vergangen. Leider wurde die Zeit ab 6 Uhr genommen und nicht ab dem Zeitpunkt, an dem man über die Startlinie rollte. Ok – 6 Minuten mehr oder weniger spielen eigentlich keine Rolle… 😉

Mein Ziel war es, unter 8 Stunden zu bleiben. Am Anfang nicht überpacen und hinten raus noch ‘ne Schippe drauflegen – so wollte ich den Marathon angehen. Nicht überpacen fiel am Anfang recht leicht, da wir zunächst neutralisiert auf Radwegen eine Schleife über Grän fuhren. Ab da hieß es: Feuer frei.

Bis zur ersten Verpflegung war ich super unterwegs. Ich befand mich öfters an der Spitze eines größeren Feldes und fuhr meine Geschwindigkeit. Ich war mir sicher gut unterwegs zu sein. An der Verpflegung hielt ich mich nicht lange auf. Gerade als ich zurück zum Rad eilte hörte ich es: “Die 9-Stunden-Gruppe – Abfahrt!”
Waaaas? Als ich mich umblickte befand ich mich mitten der 9-Stunden-Gruppe von Marcel Wüst. Der bietet sich Teilnehmern als Pacemaker für eine Zeit von 9 Stunden an. Meine Motivation flog dahin… Das darf doch nicht war sein, ich dachte ich wäre viel schneller unterwegs gewesen. Auf den nächsten Kilometern versuchte ich mich von der Gruppe abzusetzen. Es ging immer noch recht flach durchs Allgäu und es gelang mir nicht. Ok – bleibe ich halt in der Gruppe und fahre das Ding in 9 Stunden – das waren meine Gedanken. An der Verpflegung vor dem Riedbergpass hielt ich kurz an um meine Flasche aufzufüllen und Kohlehydrate nachzuschieben. Die “Wüsts” fuhren weiter. Verdammt…
Dann kam der Pass. 16% über 4 Kilometer! Sau anstrengend. Aber die “Wüsts” waren alles keine Bergfahrer. Ich holte mir einen nach dem anderen. Und ich konnte mich wohl etwas absetzen. Zumindest sah ich nach dem Riedbergpass keinen der Gruppe mehr.

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Die Abfahrt lief für meine Verhältnisse gut. Den folgenden Abschnitt Richtung Hochtannbergpass kannte ich vom Highlander. Hier war es wichtig, eine gute Gruppe bis zum Einstieg in den Pass zu haben. Zum Glück fand ich eine solche. 😉

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Ein weiteres Mal hieß es schnell stärken und hinein ins Vergnügen. Der Pass ist sehr schön, wenn auch am Anfang nicht gerade flach. Eine Besonderheit ist die Kurve auf einer Brücke – das sieht schon toll aus.

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Zur Passhöhe hin wird die Strecke flacher und ich konnte mich an dem tollen Panorama erfreuen. Es folgte eine flotte Abfahrt ins Inntal. Auch hier war es wichtig, eine gut funktionierende Gruppe zu haben. Diese fand sich zum Glück zusammen und wir flogen, uns in der Führung abwechselnd, in Richtung Gaichtpass. Hier zerfiel die Gruppe. Ein Teil bog in die letzte Verpflegung ab, die ich ausließ. Zu dritt begannen wir den letzten Anstieg. Wir plauderten noch kurz über die gute Zusammenarbeit auf den letzten Kilometern und über den Marathon, dann setzte ich mich ab. Ein Blick auf meinen Tacho verriet mir, dass mein Ziel Sub 8h in greifbarer Nähe war.

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Allerdings musste ich etwas Gas geben. Die Sonne knallte nun ganz schön auf die Kletterpassage und ich fragte mich, ob es ein kluge Entscheidung gewesen war, die letzte Verpflegung auszulassen. Naja, würde schon gehen, es war ja nicht mehr weit…

Ich kam gut auf der Passhöhe an und freute mich auf die letzten Kilometer. Diese wurden allerdings ganz schön zäh – ein veritabler Gegenwind stellte sich mir entgegen. Ich musste noch einmal ganz schön Kämpfen – dann war es geschafft.

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Unter acht Stunden – yeah! Fast einen 30er Schnitt – yeah! Ich war froh, dass ich meine Vorgaben erreicht hatte. Ich wurde bereits von der frisch geduschten und umgezogenen Diane erwartet. Sie hatte sich für die kurze Strecke mit 85 Kilometern und 690 Höhenmeter entschieden – die Vorbereitung lief für sie in diesem Jahr nicht ganz so gut. Dennoch hatte sie ihr Ziel, einen 25er Schnitt zu fahren, erreicht.

Schwitzend erholte ich mich von den Strapazen und mir war zunächst etwas übel. Aber die Zielverpflegung trug zur Regeneration bei. Da wir allerdings noch nach Hause fahren mussten, brachen wir bald zurück zu unserer Unterkunft auf. Das Zimmer hatten wir zwar schon geräumt, aber ich durfte in der Sauna duschen – welch ein Luxus.

Spät am Abend kamen wir zu Hause an. Wir waren sehr zufrieden mit dem Wochenende und dem Event und ich empfehle die Veranstaltung gerne weiter. Nur der Verkehr – besonders am Hochtannbergpass und im Inntal war etwas störend. Aber so ist das halt an einem schönen Tag in den Alpen. Und gesperrte Straße gibt es ja bei den wenigsten Veranstaltungen. Insofern sind die eingebauten Radwegabschnitte gar nicht so verkehrt… 😉

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Keep on cycling!